Home Aktuell Vita Politik Wahlkreis Links Unterstützung

Zeit - Überlegungen zur Sommerpause

„Es gibt Diebe, die nie bestraft werden und dem Menschen doch das Kostbarste stehlen: die Zeit.“ (Napoleon) Und ergänzend Seneca: „Unsere Zeit wird uns teils geraubt, teils abgeluchst, und was übrig bleibt, verliert sich unbemerkt.“

Zeit ist objektiv, jeder hat gleich viel Zeit. ‘Ich habe keine Zeit’ ist falsch, es muss heißen ‘ich habe dafür oder hierfür keine Zeit’. Zeit steht unter dem Diktat selbst gesetzter und fremdbestimmter Prioritäten. Letztere sind nur vermeintliche: wie oft schreiben wir unsere Hektik dem Diktat unserer Kunden zu. Schließlich aber sind wir es selber, die die Prioritäten setzen. Jeder hat die Zeit die Dinge zu tun, die ihm wichtig sind. Ohne Druck lebt es sich intensiver.

Der Freizeit-Forscher Horst Opaschowski (BAT-Institut) analysiert: „Lerne Überflüssiges wegzulassen und versuche nicht permanent, Lebensstandard mit Lebensqualität zu verwechseln.“ Es scheint der nach außen kommunizierte und nach innen übernommene Lebensstandard zu sein, der uns zu Sklaven der Zeit macht.

Wir arbeiten kürzer, wir leben schneller. Unsere Autos haben fast 200 PS. Wir rechnen elektronisch und schicken Post als e-mails. Wir arbeiten in vernetzten EDV-Systemen und mit 1000 MHz-Prozessoren. Wäschewaschen - macht die Maschine. Spülen auch. Essenkochen - schnell in der Mikrowelle. Die moderne Technik arbeitet immer mehr für uns. ISDN und DSL. Trotzdem hetzen wir durchs Leben ...

Es gibt Volksstämme, die haben keinen Begriff für ‘Zeit’. „Manjana“. Für uns sind die hierin begründeten Nicht- oder Spät-Handlungen ein Graus. Wir sind zu Zeitbewusstsein erzogen worden: Zeit ist Geld. Daher auch unser Wohlstand, der materiell absolut ist, qualitativ aber relativ. Denn eines können wir nicht kaufen: Zeit.

Keine Zeit. 78% der deutschen Berufstätigen empfinden dieses Defizit. Karlheinz Geißler schreibt in seinem Buch „Vom Tempo der Welt“ über dieses dominierende Gefühl zum Ausklang des Jahrtausends - ein Gefühl, dass s.E. die Menschen eint. Er ist sich aber nicht sicher, ob diese Einigkeit zukünftig ausreicht für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Kennen Sie Momo von Michael Ende? In dieser phantastischen Erzählung stehlen graue Männer den Menschen die Zeit. „Wir reißen sie an uns“, sagt einer. Und Momo macht klar, dass Zeit sich unserem Zugriff um so mehr entzieht, je heftiger wir sie zu fassen versuchen. „Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen. Und je mehr die Menschen daran sparten, um so weniger hatten sie.“

Keine Zeit. Was hat die Technik gebracht? Wie gewonnen, so zerronnen. Nicht jedes Hemd kam früher täglich in die Wäsche. Und heute? „Die Automaten steigern unbemerkt die persönlichen Standards“ (Manfred Garhammer). Wehe, das Handy klingelt mal nicht - sofort wird die Mailbox durchforscht. Wir jetten durch die Welt für zehn Tage Urlaub. Wir fliegen an einem Tag nach Berlin und München, nur um zwei Konferenzen halten zu können. Aber es müsste noch schneller gehen. Das Internet liefert zum Stichwort ‘Schnelligkeit’ viermal so viele Einträge als zu ‘Langsamkeit’. Die Zeitansage wird jährlich über 215 Mio. Mal abgefragt - trotz Funkuhren und der online aktualisierten Computeruhren.

Trotzdem haben wir mehr Freizeit (Forscher haben dies mit 38 min. berechnet). Die Quelle unseres Zeitgewinns in der Freizeit ist aber nicht die Verkürzung der Arbeitszeit um 1 Stunde; diese wurde durch das mehr an unbezahlter Arbeit aufgefressen. Die Mehr-Freizeit resultiert aus der Verdichtung persönlicher Bedürfnisse. Mit anderen Worten: Wir leben auch in der Freizeit ‘schneller’. Wir schlafen heute 40 min. weniger als in den 60er Jahren (Singles 46 min., wer kleine Kinder hat aber eine volle Stunde), essen 20 min. schneller, duschen statt baden usw.

Goethe schreibt: „Lasst uns, da wir der Zeit nicht nachlaufen können, wenn sie vorüber ist, sie wenigstens als eine schöne Göttin, indem sie bei uns vorbeizieht, fröhlich und zierlich verehren.“

Wie nutzen wir unsere Freizeit, also die arbeitsfreie Zeit? Sehen Sie sich das Programm eines Abgeordneten mit eigenem Wahlkreis einmal an. Bürgeranliegen, Vereine, Kirchengemeinden, Schulen, Kindergärten, Verwaltungseinrichtungen usw. ... Die Arbeit im Landtag, die Arbeit im Wahlkreis, die eigene Familie, das private Vergnügen. Was zuerst? Wie viel wovon? Und wann endlich beginnt das Leben? Immer das Gefühl der verpassten Gelegenheiten. Dabei sein ist alles. Weil wir besser informiert sind, wissen wir auch, was uns alles entgeht. Wer nichts vor hat, macht sich verdächtig.

„Gott schuf die Zeit - von Eile hat er nichts gesagt“, meint der Volksmund.

Die High-speed-Arbeitswelt überträgt sich auf das Private. Wir versuchen, die Produktivität unserer Konsumzeit genauso zu steigern wie die Produktivität der Arbeitszeit, und wollen immer mehr in gleicher Zeit erleben. Aber mehr Zeit ist in unserer Gesellschaft ohne Geld nicht mehr wert. Also wird auch, so die Trendforscher, die berufliche Arbeit am Wochenende steigen. „Was bei vielen Leuten in der Freizeit läuft, ist die Arbeitsgesellschaft mit anderen Mitteln“ (Heiner Keupp).

Einmal jährlich wandere ich mit zwei Freunden - der Weg ist das Ziel -, und wir sprechen vom ‘kairos’. ‘Chronos’ ist im Griechischen die Zeit. Kronos war der Zeit-Gott, der seine Kinder fraß. ‘Kairos’ ist ein zusätzlicher, interpretierter Zeitbegriff. ‘Kairos’ meint das rechte Maß, den subjektiv günstigen Augenblick. Die Gunst der Stunde.

Die meiste Zeit unserer Freizeit frisst die Technologie des Informationszeitalters. Wir haben zuviel am Hals und die Qual der Wahl. Die Zeitnot wird nicht besser angesichts der europaweiten Deregulierung der Arbeitszeiten à la USA. Die Sicherheiten und Gewohnheiten eines freien Feierabends und Wochenendes werden aufgelöst, genauso wie die Sicherheit einer stetigen Vollzeitbeschäftigung. Und damit wird der Lebensunterhalt unsicherer, die Lebens- und Familienplanung schwieriger.

Ein russisches Sprichwort: „Hinter uns liegt eine Zeit, vor uns liegt eine Zeit. Nur wir haben keine Zeit.“ Und bei Ernst Jünger lese ich: „Der Mensch, der keine Zeit hat, kann schwerlich Glück haben.“

Der Mensch ist reich, der es sich leisten kann, Dinge sein zu lassen. Wir arbeiten kürzer und leben schneller. Aber jeder stöhnt: keine Zeit. Ticken wir eigentlich noch richtig?

Seitenanfang | | Textversion

Home Kontakt Impressum www.cdu-sachsen.de

Volltextsuche: